TOMS Krimitreff

Autor Thema: Zoe Ferraris - Totenverse  (Gelesen 1752 mal)

Offline MLena

  • hat schon die ersten Seiten eines Krimis geschafft
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Zoe Ferraris - Totenverse
« am: 06. Dezember 2009, 17:17:56 »
Fortsetzung von "Die letzte Sure"

Verlagsinfo:
Verbotene Verse, die Gesetze des Islam und der Tod einer mutigen Frau: Als sich die Pathologin Katya und der Wüstenführer Nayir an die Ermittlungen machen, steht ihnen nichts so sehr im Weg wie die Tabus ihrer eigenen arabischen Kultur. Ein fesselndes Stück aus einer für westliche Augen meist verschlossenen Welt.

Darf ein guter Moslem es zulassen, dass eine junge Frau unverhüllt auf der Straße läuft? Als die Filmemacherin Leila am Strand von Dschidda aufgefunden wird, scheint ihr Tod die Rache für ein Filmprojekt zu sein, mit dem sie die Doppelmoral der arabischen Gesellschaft anprangern wollte. Doch als man bei Leila Fotos einer verbotenen alten Version des Koran findet, verstehen die junge Pathologin Katya und der strenggläubige Wüstenführer Nayir, dass die Ursachen für den Mord viel weiter reichen. Denn die längst vergessenen Verse stellen die Wurzeln ihres Glaubens infrage … Ein packender Kriminalroman, der intime Einblicke gibt in eine uns weitgehend verschlossene Welt zwischen Wüste, modernem Großstadtleben und den strengen Gesetzen des Islam.


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Bei den Büchern von Zoe Ferraris weiß ich immer gar nicht, wo ich anfangen und was ich alles erwähnen soll – die Bücher (bisher 2 – aber was für Bücher) sind so vielschichtig, dass jede Auslassung ungerecht erscheint.
Okay – zunächst der deutsche Titel: Der ist nicht so gelungen, da “Totenverse” trotz Handlung um den Koran nicht erwähnt werden. . Ob der Titel den Zusammenhang zwischen dem Mord und Koran herstellen soll, bleibt für mich vage Spekulation. Der Originaltitel “City of Veils” (Stadt der Schleier) passt viel besser.

Nun gut – ich war gespannt, wie sich die Beziehung zwischen Katya und Nayir weiter entwickelt  … es stellt sich heraus, dass Nayir den Kontakt zu Katya nicht aufrecht erhalten hat – seine Strenggläubigkeit und die moderne Katya – das war wohl zu viel für ihn ;-) . Nun aber sind sie wieder gemeinsam in einen Fall verwickelt  … ein junge Filmemacherin wurde brutal ermordet. Sie lebte bei ihrem Bruder – einem Dessoushändler (die Ausführungen zu der Problematik des Unterwäschekaufs muslimischer Frauen allein machen das Buch schon lesenswert) – und nahm sich Freiheiten heraus, die eigentlich für eine muslimische Frau in Dschidda undenkbar sind.
Im Laufe der Ermittlungen trifft Katya auf ihren neuen Chef – Osama – ein fortschrittlicher Inspektor bei der Polizei (nicht Religionspolizei), der seine ganz eigenen Eheprobleme hat. Katya ist fasziniert von ihrem Chef, der so anders als Nayir ist – allerdings muss sie auch ihren Chef bzgl. ihres Familienstandes anlügen und vorgeben, verheiratet zu sein, da sie als unverheiratete Frau den Job niemals bekommen hätte und beide massive Probleme mit der Religionspolizei bekommen könnten.
Nayir dagegen begegnet zwischenzeitlich Miriam – einer US-Amerikanerin, die nach einem Besuch in den Staaten zu ihrem amerikanischen Ehemann nach Dschidda zurückkehrt. Allerdings gerät sie gleich bei der Einreise in Schwierigkeiten (sie wird im "Raum für nichtabgeholte weibliche Passagiere" festgehalten!) und verliert viel von ihrem in Amerika neu erlangten weiblichen Selbstbewusstsein. Nayir ist auf sonderbare Weise von Miriam fasziniert und schnell bereit, ihr bei der Suche nach ihrem verschwundenen Ehemann zu helfen. Gegen Ende des Buches erleben beide dramatische Augenblicke in der Wüste.
Nach wie vor fühlen sich Katya und Nayir zueinander hingezogen, was in einer Welt der strikten Geschlechtertrennung zwar schwierig auszuleben ist, aber in kleinem Rahmen machbar.
Wie sich nachher alles – wenigstens ansatzweise – auflöst: Der Mord, der verschwundene Ehemann, die seltsame Flugbekanntschaft Miriams, Katyas Lügen, Osamas Eheprobleme und Nayirs Konflikt zwischen Glaube und Liebe – das ist ein wahres Lesehighlight – erfreulicherweise wieder ohne erhobenen moralisierenden und wertenden Zeigefinger.
Die klimatischen Bedingungen in der Hölle sind sicherlich unerfreulich, aber die Gesellschaft dort wäre von Interesse. Oscar Wilde.