Volles Leichenhaus

Autor: Jean Patrick Manchette
Verlag: Distel
ISBN: 3-923208-43-X
erschienen: 2000 deutsch (von Christina Mansfeld u. Stefan Linster) 1973 französisch
Inhalt mit Bewertung:
Helden in der Tradition Chandlers und Hammetts sind Männer, die einen "Sinn
für Charakter und Ehre" haben, "nicht wissen, was (ihre) Aufgabe ist",
"einsam" sind und deren "Stolz darin liegt, dass man (sie) wie einen stolzen
Mann behandelt, oder es tut einem verdammt leid, dass man ihm überhaupt über
den Weg gelaufen ist". Sie sprechen, wie "Männer ihres Alters reden, das
heißt mit rauem Witz, mit einem lebhaften Sinn für das Groteske, mit Abscheu
für Heuchelei und mit Verachtung für Kleinlichkeit.". Sie erscheinen "in
ihrer geschäftlichen Erfolglosigkeit fast wie sozial Deklassierte". Ihre
Einmischung oder Beteiligung beginnt eher zufällig, sie werden hineingezogen
und sind aktiv am Geschehen beteiligt, ohne eine Reflektion des Falles. Auf
ihrer Suche nach der verborgenen Wahrheit begegnen sie der Gewalt, und
Gewalt durchdringt den gesamten Alltag, in dem die Handlung angesiedelt ist
(Zitate aus Chandlers Essay "The Simple Art of Murder).
Manchette Held Eugène Tarpon wird mit dieser Charakterisierung gut
getroffen: Er ist ein ehemaliger Gendarm, d.h. er war Teil einer
Ordnungsmacht, die "in Mannschaftsbussen ohne Toiletten kaserniert" wurden
und "hin und wieder Arbeiterdemonstrationen auseinander trieben". Während
eines solchen Einsatzes tötete Tarpon einen Menschen und quittierte den
Dienst. Er wird Privatdetektiv ("Im wirklichen Leben beschäftigt sich ein
Privatdetektiv mit Scheidungen, Geschäftsüberwachungen, und, wenn er besser
dasteht als ich, mit Wirtschaftsspionage. Nicht mit Gewaltverbrechen, ...
denn dann muss man die Polizei rufen ... ") und hält sich mit kleinen
Aufträgen mehr schlecht als recht über Wasser. Man merkt ihm noch die
Gewohnheiten eines kasernierten Gendarmen an, denn er spült sein Geschirr
gleich nach der Benutzung oder baut sein Schlafsofa nach dem Aufstehen
ordentlich zusammen. Er ist erfolglos, hat so wenig zu tun, dass sogar sein
Papierkorb leer bleibt, während sich sein Kopf mit einem Nebel düsterer
Melancholie füllt. Doch anstatt sich aus dem Fenster zu stürzen, tut er
etwas viel Schlimmeres: Er ruft seine Mutter an und erklärt ihr, er wolle zu
ihr in die Provinz zurückkehren, will wieder heim zu Muttern. Kann man
tiefer fallen? Wenig später steht ein Mädchen vor seiner Tür und bittet um
seine Hilfe, weil ihre Freundin ermordet wurde. Tarpon lehnt genervt ab und
stolpert dennoch in eine unübersichtliche Geschichte hinein, bei der er
wenig gewinnen kann - außer der Entdeckung eigener verschütteter Gefühle.
Seine Motivation ist unklar, sein Einmischen könnte er selbst nicht
begründen, und trotzdem ist er mit einem Male mitten in einem Fall. Er
stolpert von Situation zu Situation, mehr ein Getriebener als einer, der die
Geschichten aktiv antreibt. Er muss Prügel einstecken und kann sich selten
dafür revanchieren. Er ist zynisch und ohne Illusionen, aber eine begonnene
Aufgabe wird trotz aller Gegenreaktion an Gewalt zu Ende gebracht. Manchette
knüpft an die Tradition von Raymond Chandler und Dashiell Hammett an und
findet eine moderne, auf Europa zugeschnittene Form des amerikanischen "hard-boiled"
Krimis, nämlich die starke Verankerung in der Geschichte sowie im sozialen
und politischen Alltag Frankreichs. "Volles Leichenhaus" deutet diese
politischen, sozialen und kulturellen Veränderungen, die der Mai 1968 mit
sich bringt, an: Besatzungszeit, die Nazis, die Kollaborateure und die alten
Kameraden sowie die Unterdrückung und Ausbeutung der sozial Schwachen
("...Ich jagte bedauernswerte idiotische Penner, um zu verhindern, dass sie
Besitzende ... um ihren Besitz brachten; ...während Drogenhändler in der
Nationalversammlung und sonst wo saßen ...). Die Integration der Kritik an
gesellschaftlichen Missständen in einen Kriminalfall ist nicht neu. Aber bei
Ross Thomas, um einen dieser Autoren zu nennen, spielen die Protagonisten am
Ende das schmutzige Spiel mit ! Die zunächst nur am Rande blitzlichtartig
erleuchteten politischen und historischen Themen bilden zum Ende den
gesellschaftspolitischen Kosmos, den Tarpon, erheblich Federn lassend, in
diesem Roman durchstreift und durch den er traurige Berühmtheit erlangt.
Manchette erzählt seine Geschichte sehr filmisch, mit knappen
Beschreibungen, knappen Dialogen und mit einem trockenen Wortwitz. Die erste
Szene mit dem "Heuler" gehört wohl zum absurdesten, was jemals in einem
Krimi zu lesen ist, und die dilettantische Entführung Tarpons mit zum
komischsten. Manchettes Stil ist lakonisch, trocken und trotzdem packend.
"Volles Leichenhaus" wird in einem Sog erzählt, der den Leser mitreißt und
ihn nicht ruhen lässt, bis die 200 Seiten verschlungen sind. Eugène Tarpon
macht süchtig ... nach mehr Geschichten um Eugène Tarpon.
Maria
27.04.2001 © Claus
Fevvers
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Silke, Daniel, Mira