Tödliche Luftschlösser

Autor: Jean-Patrick Manchette
Verlag: Distel
ISBN: 3-923208-63-4
erschienen: 2002 deutsch (von Christina Mansfeld u. Stefan Linster) 1972 französisch
Inhalt mit Bewertung:
Jean-Patrick
Manchette, geboren 1942 in Marseille, war ein großer stilistischer Erneuerer
des französischen Kriminalromans. In seinen Romanen knüpfte er an die
Tradition von Raymond Chandler und Dashiell Hammett an und schuf eine
moderne, auf Europa zugeschnittene Form des amerikanischen "hard-boiled"
Krimis. Dieses zeigt beispielhaft sein dritter Roman «Ô dingos, ô châteaux»
(1972), der jetzt in neuer Übersetzung im DistelLiteraturVerlag vorliegt.
(Zitat) „... Thompson hatte den Arm
ausgestreckt, sein Magen tat ihm dermaßen weh, dass er glaubte, er würde
aufreißen, und dann zuckte Julies Gestalt vor dem Visier der SIG zusammen.
Die junge Frau fiel zu Boden. Thompson schoss ein zweites Mal durch die
tobende Menge. Das zweite Profil (9 mm Parabellum) zerfetzte den Kopf eines
völlig außer sich geratenen Kunden. Der Mann rannte noch weiter, riss die
Arme nach vorn wie ein Turmspringer und machte einen schallenden
Bauchklatscher auf den Fußboden des Kaufhauses. ...“
Der Auftrag für
Thompson, einen Magengeschwür-geplagten Profikiller, und seine Helfer Coco
und Nénesse scheint einfach: Der Neffe eines millionenschweren Architekten
soll aus dem Weg geräumt werden und der Mord dem Kindermädchen, der jungen,
angeblich nicht zurechnungsfähigen Julie, angehängt werden. Doch alles läuft
schief. Der Junge und Julie können entkommen und es beginnt eine
erbarmungslose Hetzjagd quer durch Frankreich.
(Zitat) „... Coco
schoss mit seinem Revolver blindlings in die Menge. ... Mit Befriedigung sah
er, dass einer der Gendarmen auf alle viere fiel. Die drei anderen
Ordnungshüter blieben mit einem Schlag breitbeinig stehen, zielten mit
gestrecktem Arm und eröffneten nahezu gleichzeitig das Feuer. ... Nénesse
(sein Bruder) sah, wie die Kugeln aus Cocos Rücken austraten und wie dabei
Muskel- und Gewebefetzen herausspritzen. ... Nénesse seufzte, und zwei dicke
Tränen quollen ihm aus seinen kleinen Augen. Er warf seine Waffe weg und
wartete darauf, dass man ihn festnahm. Da trat der Wirt des Cafes drei
Schritte auf seiner Terrasse vor und feuerte ihm den Inhalt der beiden Läufe
des Jagdgewehres ins Ohr. ...“
Manchette erzählt
seine Geschichte sehr filmisch, mit knappen Beschreibungen, knappen Dialogen
und mit einem trockenen Wortwitz, manchmal mit einer grotesken, morbiden
Situationskomik. Der Plot ist
schnörkellos, voll überraschender Wendungen und von extremer Spannung - ein
Page-Turner, der den Leser packt und erst mit dem Ende des Romans wieder
Atem holen lässt.
(Zitat)
„... Die notdürftige Brücke, die das Werk betrunkener Pfadfinder hätte sein
können, war in einem unsicheren Gleichgewicht auf dicken runden Felsbrocken
gestützt. ... Der Brettersteg war stellenweise eingebrochen. Darunter
Wasserstrudel, dunkel und grau.Die junge Frau klammerte sich an das, was von
dem Geländer noch übrig war ... Die Brücke schwankte unter ihr, und Julie
schwankte mit. Sie hatte das Gefühl, ein ungeheueres Gewicht zu haben. ...
Julies Fuß brach durch die Brücke. Die junge Frau verletzte sich, als sie
sich am Boden des Stegs festklammerte. Alles bebte um sie herum und in ihrem
Kopf. Sie befand sich auf allen vieren und kroch über dem sprudelnden Wasser
vorwärts ...“
Manchette entwirft
keine Charaktere, seine beiden Protagonisten Thompson und Julie bleiben
Figuren. Sie bieten keinerlei Identifikationsmöglichkeit. Seine Figuren
reflektieren weder das, was ihnen widerfährt, noch die Motivation, die sie
antreibt. Ihre Innenwelt wird von Manchette übersetzt in Action pur.
Thompsons Triebfeder
ist der Auftrag, den er so oder so zu Ende bringen muss.
Julie wird gegen
ihre Willen in die Handlung hineingezogen. Sie wird absichtsvoll aus der
Psychiatrie herausgeholt und als Kindermädchen angestellt, damit ihr später
der Mord in die Schuhe geschoben werden kann. Julie begegnet der Gewalt mit
Gegengewalt – ohne Zögern und ohne Skrupel. Angetrieben
von der Angst um ihr und Peters Leben reagiert sie – manchmal
geradezu beängstigend effektiv, und das Ziel ihrer Flucht ist unbewusst der
Auftraggeber des Killers und damit das Streben nach dem Grund für das
Verbrechen. Sie erscheint somit als eine Figur in der Tradition Chandlers.
„Auf der Suche nach der verborgenen Wahrheit begegne(t) sie der Gewalt, und
Gewalt durchdringt den gesamten Alltag, in dem die Handlung angesiedelt ist
(Zitat aus Chandlers Essay „The Simple Art of Murder).
Manchettes Roman ist
grell, knapp und brutal geschrieben, insbesondere der Showdown gerät zu
einem Höhepunkt von Tod und Gewalt. Weil in Manchettes Romanen die Welt
voller Verzweifelung darüber ist, dass die Hoffnung auf eine bessere Welt
eine hoffungslose Sache geworden ist, gibt es keine Erlösung, sondern nur
Gewalt und Tod. Am Ende werden die Bösen zwar zur Strecke gebracht, aber es
bleibt ein bitterer Nachgeschmack.
Am 19. Dezember wäre Jean-Patrick Manchette sechzig Jahre alt geworden. Er war der große Erneuerer des französischen Kriminalromans und Leitfigur für eine neue Generation französischer Kriminalautoren. Den Grund hierfür stellt Manchette mit seinem Roman „Tödliche Luftschlösser“ eindrucksvoll unter Beweis.
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01.01.2003 © Claus