Projekt Dark Eye

Autor: Wolfgang Burger

Verlag: Espresso   

ISBN: 3-88520-927-7   

erschienen: 2001 deutsch         

 Inhalt:  Ein Unbekannter wird von einem Zug überfahren. Für Kommissar Petzold und seine Kollegen nichts Aufregendes - Tagesgeschäft. Aber dann interessiert sich plötzlich das Bundeskriminalamt für den Toten, und nichts scheint mehr so zu sein, wie es sich auf den ersten Blick darstellt. Währenddessen fährt Marc Pasteuer, Inhaber einer aufstrebenden Softwarefirma, mit seiner Frau Edith nach Italien in Urlaub. Seine Firma bearbeitet zur Zeit ein Projekt mit dem Namen „Dark Eye“, das nichts als Stress und Ärger verursacht. Er ist froh, die Arbeit hinter sich zu lassen, und ahnt nicht, dass seine Probleme in Wirklichkeit erst angefangen haben...

 Bewertung:  Wolfgang Burger ist ein herausragender Krimi gelungen. Die lange Wartezeit hat sich mehr als gelohnt. Ich kann nur allen seine überaus temporeichen Bücher ans Herz legen.

30.09.2001 © Mira

Inhalt mit Bewertung: mit seinem dritten kriminalroman um die karlsruher polizeitruppe petzold, hirlinger, schilling und andere haut, nein, schreibt wolfgang burger eine schneise in die dichtbestückte szene des sogenannten regionalkrimis, zumal burgers welt im süden der republik angesiedelt ist und schon damit ein gegengewicht (wenn auch - noch - nicht im umfang) zu den kölner, berliner oder eifelkrimis darstellt [dies schmälert keinsterlei das verdienst von verlagen wie emons, grafit, schwarzkopf und anderen, auch nicht das der autoren, von denen ich nur jacques berndorf nennen will]. mordsverkehr und marias sohn sind die ersten beiden romane des in karlsruhe lebenden kriminalschriftstellers, der im wirklichen leben sein geld an der uni karlsruhe verdient, und burger schreibt von mal zu mal besser.
besonders gut gelungen sind diesmal die dialoge zwischen edith und marc (sozusagen der "ewige" dialog zwischen mann und frau), den titelhelden des projektes, aber auch die der serienhelden petzold und hirlinger und schilling vom polizeipräsidium karlsruhe, figuren, die bei ihrem dritten erscheinen schon vertraut sind. burger versteht es auch glänzend, lebensechte nebenfiguren zu zeichnen, etwa den illegalen schnapsbrenner und ex-polizisten, der in einem eisenbahnwaggon in den schrebergärten hinter den bahngleisen lebt (und beileibe nicht jedem "kollegen" von seinem selbstgebrannten verkauft); oder die schwedin, die seit jahrzehnten in deutschland lebt und an der steuer vorbei zimmer vermietet (und bei der einer der "vermissten" untergetaucht ist). zum "netzwerk" von petzolds truppe zählt auch ein ex-kollege, der jetzt eine imbissbude betreibt und dort mit frikadellen, fritten und informationen aufwartet. auch des lebens zufälle werden herangezogen und - gemeistert: da glaubt sich petzold auf der richtigen fährte, schleicht um das haus des verschollenen mannes, dessen als gstohlen gemeldetes auto möglicherweise in einem entführungsfall eine rolle spielt, und wird dann von den uniformierten kollegen fast verhaftet. die sind von einem nachbarn alarmiert worden, dem voll aus dem leben gegriffenen "dauernd-hinter-dem-vorhang"-nachbarn.
beim "projekt dark eye", das marcs firma ergattert und von dem er sich den finanziellen und fachlichen durchbruch erhofft, geht es darum, mit einem ausgeklügelten, satellitengesteuerten kameraüberwachunssystem treffsichere stauprognosen zu erstellen und den europaweiten verkehrsfluss zu sichern (spart energie und zeit - also geld). marcs kleine firma, die ständig am rande des ruins dahinschippert und ein bißchen das klischée einer softwareentwicklungsabteilung widerspiegelt (chaos, hektik, geldmangel, zeitdruck und kannenweise kaffee), gelingt dank ihrer ideenreichen und einsatzfreudigen und überstundenwilligen mannschaft, was unmöglich schien: das projekt dark eye wird termingerecht fertig, es funktioniert, es ist geschafft, es wird gefeiert. wenn auch ohne edith, denn burger hat in seinen kriminalroman gewicht auf die "beziehungskiste" zwischen edith und marc gelegt (offensichtlich ausschlaggebend für das titelfoto, ein stark ausgeschnittenes, körnig-weichgezeichnetes bild von einem kuss): vom kurzurlaub in italien an eifersüchteleien, sticheleien, der nur gespielt spielerische umgang mit der tatsache, daß edith im gegensatz zu marc eine promovierte wissenschaftlerin ist, der wiederaufflammende zorn über marcs techtelmechtel mit zora (die rechte hand in der firma). das führt zum bruch, zumindest zum vorübergehenden auszug ediths aus dem gemeinsamen haus, zu ihrem späteren, plötzlichen wiederauftauchen am höhepunkt der mit "action" (man muß es einfach so nennen) geladenen auflösung des falles.
sieht man von kleinigkeiten ab - etwa dem fachbezogenen vokabular aus der computerei oder der gar nicht notwendigen verwicklung von ediths bruder in die geschichte (als ministerialbeamter und auftraggeber, später beruhigend-warnender telefonierer voller dunkler andeutungen) - ist das projekt dark eye ein gut gelungener kriminalroman, mit zügig voranschreitender geschichte, ineinander geflochtenen handlungen und keineswegs schwarz-weiß-malerischen "beziehungskisten" (weder bei den privatpersonen noch bei den beamteten figuren). ein krimi, der sich mit der frage nach dem technisch machbaren und moralisch vertretbaren auseinandersetzt, denn die spätachtundsechziger rund um edith und marc würden ein militärisches projekt eher ablehnen. ein kriminalroman, der die frage (an anderer stelle von anderen aufgeworfen) ein weiteres stück weit beantwortet: warum sollen wir agatha christie oder edgar wallace lesen, wo wir doch "unsere eigenen" krimischreiber haben? jmd


robert schekulin von der ufo-buchhandlung in freiburg (siehe krimi-ecke: link!) liefert eine "gegenkritik", letztendlich aber ist er in der dezemberausgabe (2001) seines krimitagebuchs doch mit mir einer meinung: ein guter krimi!

 © jmd (Joachim Dörr)

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