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Mario Vargas Llosa Mario Vargas Llosa wurde 1936 in Peru geboren. Er arbeitete
als Journalist und Rundfunksprecher und schrieb nebenbei. Mario Vargas Llosa
lebt in Peru.
Link : Die offizielle Homepage von Mario Vargas Llosa 20.07.2009 © Thomas und Martina Fink Es gibt richtiges Schreiben nur im FalschenEin Gespräch mit Mario Vargas Llosa über Politik, Sartre und Joseph Roth sowie über die Kunst der Kollaboration am 31.03.2001 in der Süddeutschen Zeitung mit Willi Winkler Im Jahr 1990 kandidierte der peruanische Schriftsteller Mario Vargas Llosa bei den Präsidentschaftswahlen seines Landes gegen den aussichtslosen Kandidaten Alberto Fujimori. Vargas Llosa verlor dennoch. So blieb ihm die Erfahrung erspart, als Intellektueller in der Politik zu scheitern. Sein siegreicher Gegner wurde im vergangenen Jahr nach einer Serie von Korruptionsskandalen aus dem Amt gejagt. Aras Llosa hat sich nicht gänzlich von der Politik verabschiedet, sondern einen Roman über Rafael Lėonidas Trujillo geschrieben, jenen Diktator, der mit US-amerikanischer Unterstützung von 1930 – 1961 die Dominikanische Republik mit eiserner Faust regiert hat. „Das Fest des Ziegenbocks“, das in diesen Tagen bei Suhrkamp erscheint, spart nicht mit Anspielungen au lateinamerikanische Verhältnisse gestern und heute. SZ: Ist es wahr, dass Sie mit 15 Jean-Paul Sartre im Bordell lasen? Vargas Llosa: Das stimmt nicht ganz. Aber als ich in meinem letzten Schuljahr bei einer Zeitung arbeitete, gab mir ein Redakteur Sartre zu lesen. Für mich wie für viele andere junge Intellektuelle und angehende Schriftsteller in Lateinamerika wurde Sartre der wichtigste Autor. SZ: Warum? Vargas Llosa: Wir wollten schreiben und gleichzeitig was verändern. Am Beispiel Sartres eröffnete sich die Möglichkeit, am sozialen und politischen Kampf teilzunehmen. Auf einem Kontinent, auf dem man von Diktatoren umgeben war und diese unfassbaren sozialen und wirtschaftlichen Gegensätze erlebte, klangen diese Ideen ganz besonders überzeugend. Vo allem aber erschloss mir Sartre die ganze Welt der modernen Literatur. Später merkte ich, dass Sartres Romane vergleichsweise epigonal waren, dass er sehr stark von John dos Passos beeinflusst war oder von Faulkner. Aber als ich ihn las, wusste ich es noch nicht Meine Enttäuschung begann erst in den sechziger Jahren. SZ: Aus politischen oder literarischen Gründen? Vargas Llosa: Sartre erzählte in einem Interview in Le Monde Dinge, die ich völlig inakzeptabel fand. Er sagte, er könne verstehen, dass die afrikanischen Schriftsteller das Scheiben aufgegeben hätten, um satt dessen an der Revolution teilzunehmen und die Welt so gründlich zu ändern, bis sie so weit wäre, dass Literatur wieder ihren Platz fände. Das war die genaue Antithese dessen, was er vorher gesagt hatte. Wenn man erst die Revolution brauchte, damit die Literatur annehmbar wurde, dann war man als Schriftsteller erledigt. Literatur schien ein Luxus reicher, hoch entwickelter Länder zu sein. Sartre aber verkündete: „Wenn ein Kind verhungert, la nausė ne fait pas de poids.“ SZ: Da spricht der Philosoph Vargas Llosa: Er war so widersprüchlich und voller Irrtümer. Sartre war ein machtvoller Intellektueller, aber ich glaube, er hat einen gewaltigen Anteil an der heutigen Verwirrung in der Politik. Ich glaube nicht, dass ein philosophisches und literarisches Werk überdauern wird. Er war zwar sehr intelligent, besaß aber keine besondere Sensibilität als Autor. Simone de Beauvoir nannte ihn eine machine à penser. SZ: Eine Denkmaschine, erschaffen von La Mettrie. Die letzte Erfindung der französischen Aufklärung. Sie haben 1982 geschrieben, die Ideen von Che Guevara seien tot. Gerade ist der Subcommandante Marcos im Triumph in Mexico City eingezogen. Vargas Llosa: Aber das hat doch überhaupt nichts mit Che Guevara zu tun. Das ist eine Show, ein Zirkus. SZ: Mit gigantischem Publicityerfolg Vargas Llosa: Die Leute vollen unterhalten werden. Politik hat sich in Entertainment verwandelt. Die wirklichen Probleme Lateinamerikas kümmern Subcommandante Marcos gar nicht. In den Sechzigern hatte es den Anschein, dass Che Guevara für einen radikalen Wandel kämpfen würde. Viele Leute glaubten mit ihm daran, und das Ergebnis war eine Katastrophe. Guevara lieferte den Vorwand für das Aufblühen brutaler Militärregimes in Südamerika. 20, 25 Jahre lang wurde so die Entwicklung zur Demokratie aufgehalten. SZ: Warum schreiben Sie heute einen Roman über den Diktator einer winzigen Karibikinsel, der schon fast 40 Jahre tot ist? Vargas Llosa: Wenn man über einen Diktator schreibt, schreibt man über alle Diktaturen. In der Dominikanischen Republik konnte man in diesen 31 Jahren alle wesentlichen Elemente jener Form von Diktatur beobachten, die in Lateinamerika so weit verbreitet war. Die Herrschaft Rafael Lėonidas Trujillos war die grausamste, die wir erlebt haben. Sie war brutal, gleichzeitig aber auch eine Operette. Um an den Kern dieses Phänomens heranzukommen, habe ich zugleich über Somoza, Perón, Fidel Castro und Papa Doc geschrieben. Es handelt sich also keineswegs um ein historisches Phänomen, sondern um etwas, das im heutigen Leben weiter virulent ist. Sie brauchen nur an Afrika zu denken, wo es genug Diktaturen gibt, die ähnlich pittoresk, grotesk und ebenso grausam sind. SZ: Enzensberger sagt von Trujillo, er sei ein Mann ohne Eigenschaften gewesen: „Das Größte an Trujillo war seine Banalität.“ Vargas Llosa: Er war natürlich eitel und anmaßend, aber er hatte eine Vision. Er lebte mit der Idee aller bedeutenden Diktatoren, dass man eine Gesellschaft, ein Volk, nach dem eigenen Willen formen könne. Es geht nämlich nicht nur um den Diktator, sondern auch um das Volk, das mit ihm kollaboriert und ihm damit erlaubt, ein scheußliches Monster zu werden. Wenn man sich an dieser Fiktion beteiligt und mithilft, den Diktator zu einem höheren Wesen zu erheben, dann wir er ein Monster. Das war bei allen großen Diktatoren: bei Hitler, Stalin, Mao und heute bei Fidel Castro. Und die Gesellschaft trägt eine Mitverantwortung, weil sie es zugelassen hat. Genau darum ging es mir: Um den Mitbürger, der mitmacht. SZ: In einem ihrer Aufsätze haben Sie einmal geschrieben: „Die Unterstützung von Diktatoren ist unverzeihlich, aber verständlich.“ Vargas Llosa: Wenn man nur überleben kann, indem man mitspielt, dann gibt es keine andere Möglichkeit. Anders verhält es sich, wenn man das Spiel mitspielt und dann ein freiwilliger Kollaborateur des Systems wird. Die Ausrede lautet immer gleich: Was kann ein armer, isolierter Mensch tun? Es gibt immer eine Möglichkeit, Widerstand zu leisten. SZ: Aber nehmen wir mal den Herbst 1973 in Chile. Wenn man nicht emigrieren konnte, musste man sich anpassen. Vargas Llosa: Aber viele Chilenen haben Widerstand geleistet... SZ: Und viele wurden umgebracht. Vargas Llosa: Ja, mindestens 3000. Aber das Land hat sich der Diktatur nicht vollständig unterworfen. Das war anders als in der Dominikanischen Republik. Manche haben auch dort Widerstand geleistet und wurden umgebracht. Aber bei Trujillo erreichte die Kollaboration die größte Intensität aller lateinamerikanischen Diktaturen. Ich sage nicht, dass das Volk allein Schuld hat. Aber auch die Diktatur ist nicht allein verantwortlich. Vielmehr herrscht da ein Einverständnis. SZ: Der Diktator Trujillo kam aus der Mitte des Volkes. Vargas Llosa: Trujillo hatte die Vorstellung, dass der Staat als Staatsbetrieb nicht funktionieren würde. Anders wäre es, wenn der Staat als Familienunternehmen betrieben würde. Deshalb organisierte er seine Firma, die Dominikanische Republik, nach dem Prinzip eines Bauernhofs, der vollkommen ehrlich und sehr effizient geführt wird. Dann würde auch niemand klauen. SZ: Weil der padrone alles selber klaut Vargas Llosa: Trujillo besaß 30 bis 40 Prozent des Bruttosozialprodukts der Dominikanischen Republik, das ist ohne Vergleich. SZ: Über William Faulkner haben Sie einmal gesagt, er schildere in seinen Romanen die Realität in Südamerika. Vargas Llosa: Das glaube ich immer noch. SZ: Aber gibt es überhaupt eine südamerikanische Realität? Vargas Llosa: Doch, die gibt es. Und ich glaube, sie unterscheidet sich nicht groß von jener, die im Alten Süden der Vereinigten Staaten herrscht oder herrsche. Dort gab es genau jene gesellschaftlichen Unterschiede, die so typisch sind für Lateinamerika. Den Schwarzen in den Südstaaten entsprechen in Südamerika die Indios. Außerdem haben auch wir dieses Übergewicht an Geschichte: Die Vergangenheit ist immer gegenwärtig, man wird sie nicht los. Faulkner hat eine phantastische Mythologie für diesen sozialen Kontext entworfen. SZ: Wenn Sie sich selber mit Gabriel García Márquez vergleichen würden, der ebenfalls einen Diktatorenroman geschrieben hat, „Der Herbst des Patriarchen“... Vargas Llosa: Ja, aber das ist die groteske Version, die barocke, humoristische Form, eine Karikatur. Eine sehr begabte Karikatur. SZ: Können Sie Gabriel García Márquez trotz aller politischer Meinungsverschiedenheiten noch bewundern? Vargas Llosa: Ich bewundere Gabriel García Márquez enorm. Ich bewundere auch Borges, einen der größten Schriftsteller unserer Zeit, obwohl er ganz anders schreibt als ich. SZ: Wann haben Sie Gabriel García Márquez zuletzt getroffen? Vargas Llosa: Das ist mindestens 20 Jahre her. SZ: Und er war bereits mit Fidel Castro befreundet? Vargas Llosa: Das ist eine interessante Geschichte. Als wir in Barcelona noch mehr Umgang miteinander hatten, war er gar nicht so begeistert von Castro. Er war selbstverständlich ein Freund der Revolution, hat als Journalist auch darüber berichtet. Als aber die Kommunisten in Kuba die Oberhand gewannen, 1961, wurde er aus dem Land gewiesen. Damals äußerte er Kritik nicht öffentlich. Im Gespräch war er wesentlich deutlicher. Ich selber war da noch ein begeisterter Anhänger von Fidel Castro. SZ: Und wann hat Fidel Castro Ihre Gunst verloren? Vargas Llosa: Das war bei der Affäre um den kubanischen Lyriker Heberto Padilla, der ins Gefängnis musste, weil er dem Regime nicht mehr gefiel. SZ: Leben die Südamerikaner, gebildet wie sie sind, in einem Roman? Vargas Llosa: Südamerika ist eine Welt, in der nichts festgelegt ist. Alles verändert sich, alles bewegt sich. Gelegentlich ereignen sich Sprünge, in die Zukunft oder in die Vergangenheit. Alles ist unberechenbar. Aber solche Gesellschaften bringen anspruchsvolle Literatur hervor. Man braucht Stabilität, und die bezieht man aus der Literatur, weil die wirkliche Welt nicht verlässlich und stabil ist. SZ: Die Lebensqualität muss also schon sehr schlecht sein, um so gute Literatur hervorzubringen. Vargas Llosa: Wenn eine Gesellschaft einigermaßen glücklich ist und stabil, bringst sie im allgemeinen auch keine besondere Literatur hervor. Wozu auch? Chaos, Instabilität, Angst, Unsicherheit über Zukunft und Gegenwart sind gutes Material für Literatur. Reiche, befriedete Gesellschaften haben keine große Literatur, weil sie keine brauchen. Für die anderen gilt: Man weiß nicht, in welcher Welt man lebt. Deshalb erfindet man Welten, in denen es sich leichter leben lässt. SZ: Demnach kämen die besten Romane der nächsten Jahre aus Kolumbien, weil die Leute dort im permanenten Bürgerkrieg leben. Vargas Llosa: Soweit das Leben dort überhaupt noch möglich ist. In der Apokalypse kann man nichts zustande bringen, aber die Perioden, die dieser Apokalypse unmittelbar vorangehen, liefern die besten Voraussetzungen für die beste Literatur. SZ: Wenn Ihr Roman „Der Krieg am Ende der Welt“ von Flauberts, Salammbô“ beeinflusst ist, wer hat Ihnen dann beim „Fest des Ziegenbocks“ beigestanden? Vargas Llosa: Ich hatte beim Schreiben tatsächlich ein Buch im Kopf: Joseph Roths „Radetzkymarsch“. Das ist einer der besten politischen Romane. Joseph Roth schildert ganz unvergleichlich, wie sich das österreichische Kaiserreich von innen zersetzt. Ich wollte etwas Ähnliches versuchen. Als ich dann mein Buch über Trujillo schrieb, hoffte ich, dass auch ich so wirkungsvoll beschreiben könnte, wie sich die Korruption durch die Gesellschaft frisst. SZ: Fühlen Sie sich jetzt gerechtfertigt, wo Alberto Fujimori per Fax aus Japan auf sein Amt als peruanischer Präsident verzichtet hat? Vargas Llosa: Es ist ein trauriger Sieg, weil Fujimori das Land zerstört und alles korrumpiert hat. Wie bei Trujillo geht es um die Gesellschaft, die mit ihm kollaboriert hat. Es geht nicht um die Armen, es geht um die Elite, die sich an allem beteiligt hat, was in Peru passiert ist. SZ: Werden Sie jetzt, nach dem Scheitern Ihres Gegners, in die Politik zurückkehren? Vargas Llosa: Ich habe immer gesagt, dass das ein Unernehmen unter extremen Umständen war. Nein, ich werde das Experiment nicht wiederholen. SZ: Sie werden nicht gefragt? Vargas Llosa: Nein, und zwar weil ich immer sehr deutlich gesagt habe, dass ich an Politik auf meine Weise teilnehme, als Intellektueller, aber doch nicht berufsmäßig. SZ: Ist es aber nicht traurig, dass die Peruaner 1990 die Wahl zwischen Alberto Fujimori und Ihnen hatten und sich prompt für den falschen entschieden haben? Vargas Llosa: Das ist Demokratie. Demokratie heißt, dass man die Wahl hat, aber nicht, dass man eine gute Wahl trifft.
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