Interview mit Nikola Hahn

 

TOM:      Erst einmal möchte ich Ihnen sagen, wie sehr ich mich freue, dass Sie diesem Interview zugestimmt haben. Können Sie uns ein wenig über sich erzählen?

Nikola Hahn : Na ja, fange ich einfach ganz vorn an: Geboren am 8.11.63 im Kreis Marburg-Biedenkopf und auf dem Land aufgewachsen, bis es mich nach dem Abitur 1983 erst nach Köln, und dann für zwei Jahre nach Kassel trieb, wo ich eine Ausbildung für den mittleren Polizeidienst bei der Bereitschaftspolizei machte, die ich 1986 an der Polizeischule in Wiesbaden abschloß. Danach wurde ich zur Bereitschaftspolizei nach Mühlheim/Main versetzt, wo ich fast vier Jahre lang blieb. Wir wurden damals unter anderem bei Demonstrationen, vor allem aber am Frankfurter Flughafen eingesetzt (Sicherheitsdienst und auch bei den Auseinandersetzungen um die Startbahn-West, bei denen 1987 zwei Kollegen getötet wurden.) 1990 wechselte ich zur Kriminalpolizei nach Offenbach, war dort in verschiedenen Kommissariaten tätig, unter anderem im Bereich Eigentumsdelikte, Betrug, Geld- und Urkundenfälschung. Zwischendurch besuchte ich für zweieinhalb Jahre die Polizeifachhochschule (Kommissarslaufbahn). Seit einem Jahr arbeite ich im Kommissariat 11 (Tötungsdelikte, Raub, Erpressung).Ich bin seit acht Jahren verheiratet; Kinder habe ich keine. Meine Hobbies sind außer dem Schreiben - natürlich - Lesen, daneben zeichne ich, vermehre seltene Tomatensorten und bin als Repräsentantin einer irischen Organisation tätig, die Brieffreundschaften in alle Welt vermittelt. 

TOM: Ihr Roman „Die Detektivin “ist Ihr erstes Werk. Wie kamen Sie zum Schreiben?

Nikola Hahn : Ich habe schon in der Schulzeit angefangen zu schreiben; kurze Geschichten, Gedanken, die nicht zur Veröffentlichung bestimmt waren. Etwa zeitgleich mit meiner Ausbildung bei der Polizei fing ich ein mehrjähriges Fernstudium über Belletristik, Sachliteratur und Lyrik an, nach dessen Abschluß ich zunächst Kurzgeschichten und Sachtexte schrieb. Ich arbeitete zwei Jahre lang nebenberuflich bei der Tageszeitung Offenbach Post als Lokaljournalistin und veröffentlichte berufsbezogene Artikel in der Hessischen Polizeirundschau, in der ich dann auch redaktionell mitarbeitete. Außerdem trat ich der Interessengemeinschaft deutschsprachiger Autoren (IGdA) bei; ich gehöre der Redaktion der Literaturzeitschrift IGdA aktuell an, die vierteljährig erscheint. Ab und zu wurde eine meiner Kurzgeschichten in einer Zeitschrift abgedruckt, aber mein Versuch, einen Verlag zu finden, um sie in Buchform herauszugeben, scheiterte. 1995 erschien dann mein erstes Buch "BAUMGESICHT", eine Sammlung von Geschichten und Gedichten in einem Kleinverlag, leider mit Druckkostenzuschuß. Das Buch ist mittlerweile vergriffen. Nach diesem ersten bescheidenen Erfolg schrieb ich meinen ersten Roman, eine lustige Familiengeschichte, die die Verlage dann doch wohl nicht so lustig fanden; jedenfalls kamen nur Absagen. Genauso erging es mir mit einem Romanentwurf für einen Krimi, den ich in die Welt hinausschickte ... Irgendwann habe ich mich über diese ständigen Nullachtfünfzehn-Absagen so geärgert, dass mir der Kragen geplatzt ist. Himmel noch mal, dachte ich, es muß doch irgendwie zu machen sein, einen Verlag zu finden! Ich versuchte es mit Agenturen - und mit einer hatte ich Glück. In einem der ersten Telefonate kam dann die Frage, was ich gerne lese, und ich sagte, dass mein Lieblingsbuch "DER MEDICUS" von Noah Gordon sei, und dann kam die Gegenfrage: Sie sind doch Polizistin. Warum schreiben Sie nicht mal einen historischen Roman über Polizeiarbeit? Ja, warum eigentlich nicht, dachte ich, ohne zu wissen, auf was für eine Arbeit ich mich da eingelassen hatte ...

TOM: Sind Sie noch in Ihrem Beruf tätig, oder ist Schriftstellerin jetzt ihr Hauptberuf?

Nikola Hahn : Meine Hauptbeschäftigung ist die Polizeiarbeit, also Bank- und Posträuber ermitteln und Todesermittlungen durchführen ... kein Achtstundentag also. Das Schreiben mache ich abends, nachts, am Wochenende, aber wenn möglich, nicht im Urlaub, weil ich den immer ziemlich dringend brauche. 

TOM: Wie sieht Ihr Tagesablauf aus, wenn Sie ein Buch schreiben?

Nikola Hahn : Also, nach dem Dienst, wenn ich heimkomme, lege ich mich etwa eine halbe bis eine Stunde hin und schlafe, danach koche ich mir einen Tee und setze mich an den Computer. Bevor ich eine neue Zeile schreibe, wird das vorherige Kapitel noch mal überarbeitet. Dann schreibe ich weiter, meistens bis in die Nacht. Wenn ich an einem Buch arbeite, habe ich so gut wie keine Freizeit, meine Hobbies fallen flach, ebenso Besuche, Veranstaltungen und anderes.

TOM : Wie machen Sie Ihre Recherchen ?

Nikola Hahn :  Da ich keine Zeit habe, tage- und wochenlang in Archiven oder Bibliotheken zu stöbern, mache ich mir eine Übersicht, was ich an Infos brauche, die ich mir dann gezielt in der Bücherei ausleihe und kopiere oder kaufe. Bei der Detektivin waren das zum Beispiel die Themenbereiche: Gesellschaft im 19. Jahrhundert, Geschichte, Politik, Situation der Frauen, Polizeigeschichte, Geschichte der Stadt Frankfurt, Bücher über Mode und Möbel, Familie, Alltagsleben, Dienstmädchen und ähnliches mehr. Ich habe alle Bücher erst mal quer gelesen, und mir Wichtiges markiert; in die Feinrecherche bin ich dann beim Schreiben gegangen, wenn Kommissar Biddling mit der Kutsche zur Irrenanstalt von Dr. Hoffmann fährt, habe ich auf dem Stadtplan nachgeschaut, welchen Weg er nimmt und habe dann nach Fotos des Eschenheimer Turms und des  "Irrenschlosses" gesucht, um es korrekt zu beschreiben. Ich habe also beim Schreiben recherchiert und bin dabei auch auf viele interessante Dinge gestoßen, die ich dann an anderer Stelle in den Roman eingebaut habe (zum Beispiel die Sachsenhäuser Wirtshausanekdoten).

TOM:   Ihr Roman „ Die Detektivin “ hat vielen gefallen. Schreiben Sie noch eine Fortsetzung?

Nikola Hahn : Ich habe schon Material gesammelt und ein Exposé über einen zweiten historischen Krimi geschrieben, der im Jahr 1904 spielen wird. Diesmal geht es um einen authentischen Kriminalfall aus dem alten Frankfurt, aber selbstverständlich spielen auch die Hauptfiguren aus der "Detektivin" wieder eine Rolle - wenn auch nicht die gleiche. Aber mehr verrate ich nicht. Aus Zeitgründen wird es allerdings noch mindestens zwei Jahre dauern, bis der Roman fertig ist. Ich weiß, daß die Leser (und der Verlag und der Buchhandel) das zweite Buch gerne so ähnlich hätten, wie das erste, aber ich habe mir erlaubt, diese Regel zu brechen. Mein zweiter Roman "Die Wassermühle" ist vor zwei Wochen fertig geworden und wird als Taschenbuch im August bei Ullstein erscheinen. Es geht um einen Polizisten und seine junge Kollegin, um eine Krankenschwester und eine Künstlerin, um Liebe, Lachen und Weinen und um den ganz normalen Wahnsinn, der sich Alltag nennt. Und um ein Geheimnis, dem der Polizist unbedingt auf die Spur kommen will. Ein Krimi ist es trotzdem nicht, denn die obligatorische Leiche fehlt.

TOM:     Mit Victoria Könitz und Richard Biddling ist Ihnen ein wunderbares Krimiduo gelungen. Aber am meisten schmunzeln musste ich über Heiner Braun ; der war echt toll.

Nikola Hahn : Ich gebe unumwunden zu, daß Heiner Braun meine absolute Lieblingsfigur war. Dabei hat er sich einfach ungefragt immer mehr in die Geschichte hineingemogelt, obwohl er anfangs nur als Stichpunktgeber für Kommissar Biddling gedacht war. Aber es hat so einen Spaß gemacht, mir die Dialoge zwischen den beiden auszudenken, daß ich nicht widerstehen konnte, Heiner Braun als dritte Hauptfigur zu installieren. Er kommt auch im neuen Roman wieder vor: Versprochen! 

TOM: Haben Sie ein Vorbild bei historischen Krimis?

Nikola Hahn : Nein. Ich lese sowieso alles querbeet, Krimis, Historisches, Liebesgeschichten. Eine Rezensentin nannte mich mal die deutsche Anne Perry, da mußte ich lachen, als ich das las. Am nächsten Tag bin ich in die Buchhandlung und habe mir mein erstes Anne-Perry-Buch gekauft. Und es stimmte: Tatsächlich waren Ähnlichkeiten da, obwohl ich kein einziges Buch von Anne Perry gelesen hatte.

TOM : Haben Sie einen Lieblingskrimischriftsteller?

Nikola Hahn : Henning Mankell und Minette Walters, wobei mir von Minette Walters nur die ersten drei Bücher (Im Eishaus, Die Bildhauerin, Die Schandmaske) wirklich richtig gut gefallen. Von Mankell habe ich bis jetzt nur zwei gelesen (Die Fünfte Frau und Mörder ohne Gesicht, aber die waren wirklich klasse.)

TOM: Wie war das Gefühl, als Sie zum erstenmal Ihr Buch im Geschäft gesehen haben?

Nikola Hahn : Unglaublich, im wahrsten Sinne des Wortes. Das schönste Erlebnis war aber, als ich irgendwann durch einen Offenbacher Park ging und auf einer Bank eine Frau sitzen saß, die "Die Detektivin" las. Ich fragte sie, wie ihr das Buch gefalle, und sie sagte: Toll. Ich lächelte und sagte: Das freut mich, ich hab´s nämlich geschrieben. Ich sehe den ungläubigen Blick noch heute vor mir. 

TOM :   Erhalten Sie viel Fanpost? Und beantworten Sie alle?

Nikola Hahn : Es hält sich in Grenzen. Ab und zu bekomme ich Post über den Verlag zugestellt, die ich selbstverständlich beantworte. Allerdings habe ich auch einige ganz treue Fans, die schon mehrfach geschrieben haben, darunter eine alte Dame, die schon ganz gespannt aufs neue Buch wartet. Der interessanteste Kontakt war der Anruf eines Ururenkels des Kriminalrats Dr. Rumpff, der mein Buch von seiner Familie geschenkt bekam und mir aus dem Leben des Dr. Rumpff so einiges erzählte.

TOM :    Vielen Dank für das Interview und ich hoffe Sie werden öfter mal bei TOM’s Krimitreff zu Gast sein

Nikola Hahn : Wenn meine Zeit es zuläßt werde ich gern im Krimitreff vorbeischauen, ich finde das nämlich eine klasse Sache!

02.04.00 © Thomas Fink 

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