Bei Erinnerung Mord

Autor: Didier Daeinckx
Verlag: Distel
ISBN: 3-923208-56-1
erschienen: 2003 deutsch (von Stefan Linster) französisch
Inhalt mit Bewertung: 17.
Oktober 1961, Paris: Die Demonstration gegen den Algerienkrieg endet
gewaltsam. Über hundert Demonstranten werden getötet. Ohne erkennbaren Grund
wird auch Roger Thiraud, Studienrat für Geschichte, von einem Polizisten aus
nächster Nähe erschossen. Einundzwanzig Jahre später reist Bernard Thiraud,
Rogers posthum geborener Sohn, ebenfalls Historiker, nach Toulouse, um dort
Nachforschungen anzustellen. Beim Verlassen der Präfektur wird er von einem
Unbekannten erschossen.
Warum wurden Vater und Sohn umgebracht ? War es nur ein Zufall, dass beide
Opfer unbekannter Mörder wurden ? Inspecteur Cadin vom Toulouser
Kommissariat übernimmt den Fall und deckt schließlich den Zusammenhang
zwischen beiden Morden und die Hintergründe auf.
„Ich möchte, dass Sie mir Ihre Erinnerungen an den Oktober 61 erzählen. Vor allem, ob Sie in der Gegend der Rue du Faubourg-Poissonière rumspaziert sind. Ich werde Sie aus dem Bericht heraushalten, darauf gebe ich Ihnen mein Wort. Ich will einfach nur verstehen, was in jener Nacht tatsächlich geschehen ist. Niemand will darüber reden, es gibt praktisch keine Anhaltspunkte … Ohne Bernard Thirauds Tod in Toulouse hätte ich sehr wahrscheinlich immer noch nicht die leiseste Ahnung davon.“
Der Anstoß für Didier Daeninckx Roman „Meurtres pour mémoire“ war die damalige Affäre Maurice Papon. Papon war Polizeipräfekt von Paris und für die brutale Niederschlagung einer friedlichen Demonstration von Franzosen algerischer Herkunft gegen die diskriminierende nächtliche Ausgangssperre im Jahre 1961 verantwortlich. Dabei wurden vermutlich zweihundert Demonstranten getötet, obwohl offiziell nur die Zahl von drei Opfern zugegeben wird, darunter ein Franzose, der „damals der Durchsetzung des französischen Rechts zum Opfer gefallen“ war (aus der Autobiographie Papons, 1988). Daran knüpft Daeninckx an und erzählt die Geschichte eines Massenmörders, der das Durcheinander während dieser brutalen Niederschlagung nutzt, um einen Historiker ermorden zu lassen, der seiner Vergangenheit im Vichy-Regime auf die Spur gekommen ist. Die Spur führt von 1961 in die Zeit des besetzten Frankreichs und ins Konzentrationslager Drancy.
„Sie Haben das besondere Talent, Ihre
Nase in den sumpfigsten Angelegenheiten zu stecken, Inspecteur, aber man
kommt aus dem Sumpf nicht heraus, wenn man ihn aufwühlt …“
„Wie dann ?“
„Ganz einfach, indem man die anderen reintaucht.“
Daeninckx erzählt seine Geschichte spannend, mitreißend und trotz des sperrigen Themas mit Humor und Ironie, mit einem genauen Blick für die Absurditäten des Alltäglichen. Sein Protagonist Inspecteur Cadin ist Detektiv und Historiker zugleich. Das er keine Kunstfigur ist, verdankt er Didier Daeninckx Fähigkeit mit wenigen, starken Pinselstrichen, einen plastischen, glaubwürdigen Charakter zu zeichnen und ihm eine menschliche Tiefe zu geben. Cadins Neigung, sich nicht mit einfachen Antworten zufrieden zu geben und den Dingen - ungeachtet aller persönlichen Konsequenzen – auf den Grund zu gehen, führt dazu, dass er von Ort zu Ort versetzt wird. Seine Ermittlungen bleiben letztlich folgenlos, weil die gesellschaftlichen Umstände bleiben, wie sie schon zu Beginn seiner Spurensuche gewesen sind.
„Der Richter erhob noch am selben Abend Anklage gegen Pierre Cazes, kurz vor sieben Uhr. Man bezweifelte jedoch, dass er (wegen seines Krebsleidens) noch bis zum Prozeßbeginn leben würde. Eine guten Gelegenheit, die ganze Affäre zu vertuschen.“
Didier Daeninckx Roman „Meurtres pour mémoire” war in Frankreich ein Riesenerfolg und wurde mit dem „Grand Prix de Littérature policière“ und dem „Prix Paul Vaillant Couturier“ ausgezeichnet. Daeninckx dokumentarisch-fiktionale Anklage hatte einen späten Erfolg: 1998 wurde Maurice Papon der Prozess gemacht.
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22.01.2003 © Claus